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Prolog


1242 nach Worgs Erscheinen

Mond: Goldmond

Graufeste Bullewick


Seher van Behr


»Carn wird brennen!«


Agnetus Brutsmoller betrachtete sich als einen Mann der Tat. Zumindest war er fest davon überzeugt, dass diese Charakterisierung auf ihn zutraf. Nein, er vollbrachte keine heldenhaften Taten wie ein edelmütiger Ritter – bei Weitem nicht. Vielmehr waren es die alltäglichen Handlungen, die kleinen Dinge mit großer Wirkung, mit denen Agnetus im Verborgenen mit Geduld und Präzision etwas zum Wohle seiner geliebten Heimatstadt Graufeste beitrug. Auch wenn er manchmal dachte, dass dieser Blickwinkel zu unkritisch sei, so blieb er doch bei seiner Auffassung. Sollte man etwas herabsetzen, nur weil es in dieser Welt zu selten zu verdientem Ruhm führte? Eine absurde Vorstellung.
Agnetus war Stundenglasmacher im Ruhestand, Ratsherr und Vorsteher des Ordens der Bullewicker Zeitmessgefährten. Ein Mann mit Zielen und Pflichten, wie sein Vater zu sagen pflegte. Eine Stütze des gemeinen Volkes, wie es seine Mutter zuletzt, nicht ohne Stolz, ausgedrückt hatte. Zudem war er höchstselbst der geheime Verfasser des Pamphlets Graufeste nach vorn!
Ja, Agnetus wusste seine Zeit zu nutzen. Es gab wohl den einen oder anderen in seinem Umfeld, der vielleicht annahm, Herr Brutsmoller habe zu viel davon. Doch die Andeutungen, Gerüchte und Klatschgeschichten, die gelegentlich an seine Ohren drangen, kümmerten den alten Mann nicht. Er erachtete all seine Taten als sinnvoll und von hoher Bedeutung für die Gesellschaft, wenn nicht sogar als außerordentlich. Gerade in diesen unruhigen Zeiten waren Städter wie er, die Augen und Ohren offen hielten, mehr wert als die verzierten Stundengläser, welche er in tagelangen Auftragsarbeiten für den Adel gefertigt hatte. Davon war er fest überzeugt.
Gebückt über sein wuchtiges Messingweitenglas, starrte Agnetus Stundenglas um Stundenglas auf sein Stadtviertel Bullewick. Der Beobachtungsbereich war enorm. Sein Revier umfasste sowohl die breiten Gassen als auch die nördliche Stadtmauer. Den Marktplatz und die benachbarte Brunnengasse Richtung Osten hatte er ebenfalls im Blick. Nach einem Schwenk mit dem Weitenglas behielt er auch den an sein Haus angrenzenden, mit bunten Blumen bewachsenen Park im Visier. Ein wahrer Glücksfall für einen Beobachter mit Leib und Seele. Und so verbrachte er den Abend, nur von seinen reichhaltigen Brotzeiten unterbrochen, mit sich und seinen Beobachtungen.
Der Ratsherr saß an seinem standesgemäß auf Hochglanz polierten Schreibtisch, der mit einem Dutzend Schubladen und einer makellosen Arbeitsplatte ausgestattet war. Die Luft war erfüllt vom Duft des Poliermittels aus Walnussöl, gemischt mit dem Geruch der Talgkerzen und einer Prise Zitrus, die der Tasse entströmte. Im Begriff, die soeben fertiggestellte Notiz abzulegen, hielt Agnetus das Schriftstück in seiner knöchernen Rechten. Doch einer inneren Eingebung folgend, legte er es wider seiner Absicht nicht aus der Hand. Der ergraute Agnetus nahm das Blatt an sich, lehnte sich in seinem Sessel zurück und hielt es ins Licht.
»Stundenglas neun abends«, murmelte er mit rauer Stimme vor sich hin. »Gräfin von Bergolt trifft auf dem Marktplatz ein – Streit mit Tuchmacherin Helgrit der Hässlichen – Geschrei – Kutsche verlässt mit Gräfin den Marktplatz Richtung Osten.«
Der Stundenglasmacher seufzte. Es war eindeutig die Kürschnergasse gewesen und das war eher Nordosten als Osten. Agnetus fluchte. Solch ein kapitaler Fehler war ihm selten unterlaufen.
Werde ich alt? Oder bin ich es schon? War ich abgelenkt?
Er blickte in die schwache Spiegelung seines Antlitzes im Fenster zu seiner Linken und schaute in ein vom Alter gezeichnetes Gesicht. Das graue Haar verteilte sich kreisförmig über sein gesamtes Haupt, war aber nicht lang genug, um ihm in den Nacken zu fallen. Agnetus Blick folgte seinen Falten, die sich im gleichmäßigen Rhythmus, wie Berge und Täler durch seine Haut zogen. Er fragte sich, ob die Furchen in den letzten Monden tiefer geworden waren, schob es dann aber auf die Lichtverhältnisse. Positiv zu vermerken war seiner Überzeugung nach, dass sie ihm den Ausdruck von Weisheit und so etwas wie Lebenserfahrung verliehen. Unterstrichen wurden diese Wesenszüge von seinem geschwungenen Oberlippenbart und den schmalen Augen, die von ihrem Glanz in all den Jahren nichts verloren hatten. Das bekam er regelmäßig zu hören. Warum sagte niemand etwas über seine unschätzbare Aufgabe im Stadtviertel? Agnetus seufzte.
Die Menschen und Äußerlichkeiten.
Nun, seine Stellung als Vorsitzender der Bullewicker Zeitmessgefährten bestätigte ihn in seiner Meinung, was seinen Dienst am Volke betraf. Just in diesem Moment riss ihn eine Bewegung auf der Gasse direkt unter ihm aus seiner Selbstbetrachtung. Er beugte sich vor, schaute durch die klaren Scheiben des Fensters und erblickte sogleich jemanden, der im Schein der Straßenlaterne stehen geblieben war. Agnetus hielt die Luft an, denn wie aufs Stichwort schaute die in ein bei diesen kühlen Temperaturen gewagtes sommerliches Kleid gewandete ältere Dame hinauf zum Fenster des Vorsitzenden. Sie lächelte und winkte ihm zu. Agnetus erstarrte. Fast augenblicklich bildete sich ein feiner Schweißfilm auf seiner Stirn. Hektisch schaute er sich um, nur um festzustellen, dass er weiterhin der Einzige in seiner Dachkammer war. Er kam sich vor wie ein Idiot.
Meint sie mich? Was mache ich nun? Was ist, wenn sie mich mit jemandem verwechselt?
Inzwischen hatte die Frau einen Schritt in Richtung Agnetus Heim getan und winkte erneut. Er schalt sich selbst einen Narren und riss ruckartig seine Hand empor. Als er glaubte, ein Lächeln auf den Lippen der Frau erkannt zu haben, wandte sie sich ab und setzte ihren Weg fort. Seine Hand weiterhin erhoben, schaute Agnetus ihr nach.
Mit einem leisen »Uff« auf den Lippen ließ er sich in den gepolsterten Sessel fallen und fuhr sich mit dem Taschentuch über die schweißnasse Stirn. Er hatte ja so seine Erfahrungen gemacht mit dem weiblichen Geschlecht, aber dass man ihm so frivol zuwinkte ...
Schon ein klein wenig unerhört.
Und so ergab es sich, dass der Vorsitzende seinen Plan einen Schwatz mit dem Hutmacher zu halten, verwarf, sondern den Weg zur Backstube einschlagen würde. Nun, selbstverständlich war er in der Backstube Kunde, ein gern Gesehener noch dazu, da war er sich sicher. Da konnte es den Besitzern nur recht sein, wenn er dort ab und an auch mal Fragen stellte. Naturgemäß nur, um sicherzugehen, dass alles mit rechten Dingen zuging. Tief sog er die Luft ein und bekam einen so plötzlichen wie seltenen Anflug von Zweifel.
Habe ich mich zu wenig um die direkte Nachbarschaft geschert? Sollten sich in meinem Viertel neue Bewohner aufhalten? Doch wie das arbeitsscheue Gesindel, das letzten Mond zugezogen ist, sah die Dame nicht aus.
Er strich sich über das mit grauen Stoppeln übersäte Kinn und schob diese absurden Gedankengänge beiseite.
Pff, ich werde alt.
Ein weiterer Seufzer, und der schmächtige Vorsitzende stemmte sich aus seinem Sessel. Im Anschluss schlurfte er in seinen Pantoffeln zu einem der Schränke zu seiner Rechten und öffnete die oberste der Dutzenden Schubladen. Nicht sicher, wo genau er als Erstes suchen sollte, kramte er seine persönliche Ereignisliste hervor. Hier hatte er bedeutende Vorfälle seines eigenen Lebens niedergeschrieben. Für den Fall einer durchaus angebrachten Biografie, wie er meinte. Nach kurzer Suche hob er die mit den Buchstaben A.B. gekennzeichneten drei mit Holzplättchen beschwerten Papiere aus der Lade. Eilig ergriff Agnetus das Plättchen des vordersten Stapels und blätterte durch die Schriftstücke.
»... wurde mir aufgeholfen. Die ältere Dame kümmerte sich rührend um mich, doch durch den Schleier der Umnachtung war es mir nicht vergönnt, etwas über sie zu erfahren ...«
Es fiel ihm wie Schuppen von den Augen, als er erkannte, wen er da gesehen hatte. Vor ziemlich genau einem Jahr hatte ihn eine merkwürdige Ohnmacht auf der Gasse ereilt, genauer gesagt, an seiner Haustür. Seine blassen Erinnerungen dazu hatte er vermerkt, viel jedoch war damals nicht hängen geblieben. Die Dame hatte ihn gestützt, in sein Haus begleitet und ihm zu trinken gegeben. Hastig überflog er die letzten Zeilen. In seiner Erinnerung hatte sich die Frau sputen müssen, und von einer wartenden Kutsche war ebenfalls die Rede gewesen. Trotzdem verstaute er das Dokument mit der nötigen Sorgfalt wieder in der Schublade und schloss sie.
So viel Zeit muss sein.
Dann machte er sich eiligen Schrittes auf in Richtung Ankleidezimmer...